10 Jahre ohne dich

wo doch nur ein einziger Tag ohne dich


undenkbar erschien

Text: Friedrich Hölderlin


Seelenbrücke

Die Brücke gespannt
zum Sehnsuchtsland,
gewoben aus
immerwährender Liebe
das blaue Band,

ruft in leisem Gesang
der Ewigkeiten Stille
mit atmender Sehnsucht
schimmernden Sternenlichts
hinüber an dein
Seelenufer.

© Christiane Schyktanz


Claude Monet

„In Liebe bist mit den
lichtvollen Kräften
Immer verbunden.
Gerade in der größten Verzweiflung
hast du die Chance,
dein wahres Selbst zu finden.

Genauso wie Träume lebendig werden,
wenn du am wenigsten damit rechnest,
wird es mit den Antworten auf jene Fragen sein,
die du nicht lösen kannst.

Sergio Bambaren







Geh’nicht fort von uns.
Nur eine Mittagssonne lang hast du
in unserer Dämmerung verweilt und
deine Jugend hat uns Träume
geschenkt…

Lass es noch nicht zu, dass unsere
Augen nach deinem Anblick hungern.
Lass’ nicht zu, dass die Wellen des
Meeres uns auseinander reißen und
die Jahre, die du in unserer Mitte
verbracht hast zur Erinnerung
werden…

Sprachlos war unsere Liebe und
hinter Schleiern verborgen. Doch jetzt
ruft sie laut aus nach dir und steht dir
unverhüllt gegenüber. So war es schon immer,
dass die Liebe ihre eigene Tiefe
nicht kennt bis zur Stunde des
Abschieds

Khalil Gibran



"Das Unendliche liegt nicht jenseits des Endlichen, sondern im Endlichen.
Das Ewige liegt nicht jenseits des Zeitlichen, sondern im Zeitlichen.
Das Unsterbliche liegt nicht jenseits des Sterblichen, sondern es ist das Sterbliche.
Das Unsterbliche, das Ewige, das Unendliche bist du selbst."

(Krishnamurti)

Die Tropfen der Zeit
münden in den mächtigen
Strom der Ewigkeit

(Ernst Festl)


Aus den Trümmern unserer Verzweiflung bauen wir unseren Charakter.


Ralph Waldo Emerson


*****

Die Hoffnung ist der Regenbogen
über dem herabstürzenden Bach des Lebens.

Friedrich Nietzsche


*****
Ein Engel ist ein Gedanke Gottes

Meister Eckhart

Du suchst umsonst auf irrem Pfade
die Liebe dir im Drang der Welt.
Ein Wunder ist die Liebe, Gnade,
die wie der Tau vom Himmel fällt.
Sie kommt wie Nelkenduft im Winde,
sie kommt, wie durch die Nacht gelinde
aus Wolken fließt des Mondes Schein.
Da gilt kein Ringen, kein Verlangen.
In Demut magst du sie empfangen,
als kehrt’ ein Engel bei dir ein.


Emanuel Geibel (1815-1884)

 ***

Eine Seele ist nie ohne Geleit der Engel,
wissen doch diese erleuchteten Geister,
dass unsere Seele mehr Wert hat
als die ganze Welt.


Bernhard von Clairvaux


 ***

Ach, wie sehn ich mich nach dir,
Kleiner Engel! Nur im Traum,
Nur im Traum erscheine mir!
Ob ich da gleich viel erleide,
Bang um dich mit Geistern streite
Und erwachend atme kaum.
Ach wie sehn ich mich nach dir,
Ach, wie teuer bist du mir,
selbst in einem schweren Traum.

Johann Wolfgang von Goethe

Indian Art

In Schönheit, in Harmonie, in Liebe gehe ich Deinen Weg ohne zu zögern.
Mein Zweifel weicht durch eine sanfte Berührung des Windes.
Mein Glaube wächst im Angesicht der Berge.
Meine Ehrfurcht wächst über die Wunder der Natur.
In allem erkenne ich dich
Und weiß du verlässt mich nicht.
Meine Suche endet wo ich erkenne, dass alles eins ist,
dass Alles in Allem ist.


Bild: "Raven - Creator of Light"

Jeder Mensch hat seinen Engel.

Rudolf Steiner

Doch die Existenz der Engel,
Die bezweifelte ich nie;
Lichtgeschöpfe sonder Mängel,
Hier auf Erden wandeln sie.

Heinrich Heine


Klage

Wem willst du klagen, Herz? Immer gemiedener
ringt sich dein Weg durch die unbegreiflichen
Menschen. Mehr noch vergebens vielleicht,
da er die Richtung behält,
Richtung zur Zukunft behält,
zu der verlorenen.

Früher. Klagtest? Was wars? Eine gefallene
Beere des Jubels, unreife.
Jetzt aber bricht mir mein Jubelbaum,
bricht mir im Sturme mein langsamer
Jubelbaum.
Schönster, in meiner unsichtbaren
Landschaft , der du mich kenntlicher
machest Engeln, unsichtbaren.

Rainer Maria Rilke

Engel, die Lichtwesen

Je schwieriger und steiniger unser Weg im Leben wird, desto näher kommen wir dem Göttlichen und den Engeln. Wenn wir
im Leben an unsere Grenzen geraten und oft nicht mehr weiter wissen, erfahren wir eine Veränderung. Wir kommen uns
selbst näher und plötzlich spüren wir die Gegenwart unseres Schutzengels. Wenn alle unsere Masken gefallen sind, spüren
wir, wie uns unser Schutzengel führt, wie er hinter uns steht und uns beschützt. Wir werden aufmerksam auf etwas, das
bisher im Alltag verloren gegangen ist. In all dem Stress und der Hektik haben wir die Verbindung verloren. Wir haben
vergessen, dass es eine Welt der Wunder, der Heilung und des Segens gibt. Auf unseren unergründlichen Wegen durch das
Leben sind wir weiter geeilt, fort gezogen vom hektischen Strom des Alltags. Auch wenn die Verbindung unterbrochen
war - die Engel haben uns nie aufgegeben. Ihre Liebe und ihre Gegenwart haben wir nur nicht mehr gespürt. Sobald wir
uns für die Engel öffnen und sie bitten uns beizustehen, sind sie da, denn es ist ihr größter Wunsch uns zu helfen. Dies sagte
schon Don Bosco: "Der Wunsch unseres Schutzengels, uns zu helfen, ist weit größer als der, den wir haben,
uns von ihm helfen zu lassen."
Jeder Mensch hat einen Schutzengel. Schutzengel sind immer für uns da und begleiten uns unser ganzes Leben lang. Elisabeth Kübler-Ross, eine sehr bekannte Psychologin und Sterbebegleiterin schreibt in einem ihrer Bücher, dass jeder Mensch einen chutzengel oder einen geistigen Führer hat, der ihn auf seinem Weg durch das Leben begleitet - von der Geburt bis zu einem
Leben nach dem Tod.



Engel, Michelangelo

Meister Eckhart, ein Theologe und philosophischer Mystiker des Mittelalters sah in den Engeln "Die edelsten aller Kreaturen...
sie sind rein geistig und haben keine Körperlichkeit an sich, und von ihnen gibt es am allermeisten, ihrer gibt es mehr als alle körperlichen Dinge zusammengezählt." Er erschafft ein Bild von unzähligen Engelswesen, von einer edlen Ausstrahlung reinen Geistes.

Anselm Grün ist ein bekannter Benediktinerpater, der viele Bücher über Engel veröffentlicht hat. Er schreibt, dass die Engel
die Wächter unserer Seele sind, dass sie uns Belebung und Heilung schenken. Auch spricht er von unserem "inneren Reichtum", den wir manchmal gar nicht erkennen, die Engel aber sehr wohl. Die Engel zeigen uns, zu was wir fähig sind und
wie wertvoll wir sind. Die Engel sind Heiler.

Anselm Grün schreibt auch, dass uns die Engel begleiten und dass uns immer der Engel zur Seite steht, der uns in einer
bestimmten Situation am besten helfen kann. Vertrauen ist auch hier das Schlüsselwort - Vertraue den Engeln und Du wirst
Dich selbst und Deine Fähigkeiten erkennen. Vertraue Dir selbst und Du wirst plötzlich wissen, wie wertvoll und einmalig Du
bist. Auch spricht er vom "göttlichen Glanz der Seele" eine sehr schöne Formulierung, die das "Innere Leuchten" der Menschen beschreibt. Ein Licht, das tief im Inneren scheint und das alle lichten Wesen anzieht. Jeder Mensch besitzt dieses
Licht, nur manchmal vergessen wir, dass auch dieses Licht, gleich dem Feuer, Nahrung benötigt. Ganz erlischt es nie, doch manchmal kann es sein, dass das helle Lodern zu einem schwachen Glimmen wird. Gerade dann kommen die Engel verstärkt
zu uns!
Auch sagt Anselm Grün ganz klar, dass die Engel die Boten Gottes sind, die Übermittler von Botschaften. Engel nehmen Kontakt mit uns Menschen auf - manchmal im Traum, in der Meditation oder in Form von anderen Menschen, die uns begegnen.

Sandro Botticelli
Madonna und zwei Engel

Die Seele ist mehr dort, wo sie liebt, als dort, wo sie dem Leib Leben gibt.

Johannes Eckhart


Rituale

Rituale helfen uns dabei uns zu zentrieren. So können wir in Kontakt mit den Energien der geistigen Welt kommen. Die Naturkräfte sind ein große hilfreiche Kraftquelle für uns Menschen. In Ritualen bitten wir um Heilung, Schutz, Führung und Harmonie. Wir bitten um die Erfüllung unserer Herzenswünsche und bitten um Segen für alles, was uns am Herzen liegt.


Andenken

Wenn der Abend so wunderbar blau und dunkel
in den Bäumen hängt, der runde Mond fern und
golden über der Erde schwebt, bist du mir nah.

Deine schmalen Hände behüten mit inniger Sorgfalt
die Reliquien unserer Liebe, zarte Gebilde süßer Erinnerungen.

Leise öffnet sich das Fenster. Meine Augen folgen den Sternen,
aber unfaßbar ist alle Ewigkeit, angefüllt mit Schauer und den
Fragen nach Verstorbenen.
Dem stillen Weinen ungeborener Kindlein.

Von Unendlichkeit verwirrt,
sinke ich an das braune Kreuz des Fensters.
Leise bete ich deinen Namen.

Ich weiß dich im einsamen Zimmer,
träumend bei einer Kerze.
Um deinen Mund ein todnahes Lächeln.

Francisca Stoecklin (1894 – 1931)




Du erzähltest,
was deine Nachbarn und Kollegen sagten:
Du musst vergessen, sagten sie.
Du musst dich ablenken. In den Urlaub fahren.
Du musst Abstand gewinnen, sagten sie
Als hätte das irgendeinen Sinn.

Ich weiß, man bewundert eine Frau,
wenn sie Haltung bewahrt, sich beherrscht
oder gar ihr Gesicht mit einem Lächeln verschleiert.
Denn es ist für die anderen so am einfachsten.
Man meint, mit der Trauerfeier sei es überstanden.
Dann werde sie schon darüber hinwegkommen.
Das ist nicht böse, nur schrecklich ahnungslos.
Aber es bedeutet, daß du allein bist.
Da schließt sich etwas wie eine Eisdecke
über einem strömenden Wasser.

Du sagst, du wollest jetzt an der Stelle bleiben,
an der er dich verlassen hat,
an der dunklen Grenze, vor der du seitdem stehst,
weil du dort und nirgends sonst die Kraft findest,
um weiterzuleben.

Lass es dir nicht ausreden.

Jörg Zink



An Manuels Gedenkstätte

Nur auf dem Pfad der Nacht erreicht man die Morgenröte.

Khalil Gibran




Lied an Ophelia

Sie weiß nichts mehr und weiß doch Alles.
In alten Bäumen rauscht der Wind.
Das Meer ist weit, die Wellen rauschen
um Locken, die so kindlich sind.

Es strahlen Blüten helles Leben,
und sterben sanft in feuchtem Haar.
Ein Lächeln irrt auf toten Lippen.
Der blonde Prinz. Es war, es war...

Ophelias Augen tiefste Sterne!
In fernen Bäumen rauscht der Wind.
Und Tang und Blumentiere schimmern
um Schultern, die so kindlich sind.


Francisca Stoecklin

DIE GESCHICHTE EINES BAUMES


Geboren wurde ich an einem sonnigen Frühlingstag 18o2.

Damals, ganz früh Morgens, als der Nebel noch in den Tälern lag und die Luft kühl und feucht vom nächtlichen Regen war, als
die ersten Vögel zu zwitschern begannen und ansonsten friedliche Stille herrschte, bemühte ich mich ganz besonders, streckte vorsichtig ein Stück meines Körpers durch den Erdboden, kämpfte mich durch ein Blatt, das noch vom Herbst übriggeblieben
war, und wenige Tage später entdeckte ein kleiner Junge mein erstes hellgrünes Blatt, das sich der Sonne entgegenstreckte.
Er kam näher, legte sich zu mir auf den feuchten Erdboden, betastete ganz vorsichtig mein grünes Blatt, sprang dann auf, - ich
weiß es noch als wäre es erst gestern gewesen, er trug eine kurze Hose aus Leder und seine Knie waren schmutzig von der dunklen Erde - und lief zu seinen Eltern, um ihnen zu erzählen, dass ich geboren war. Ich wusste damals noch nicht, dass ich deshalb
gepflanzt wurde, weil sein kleiner Bruder bei der Geburt gestorben war. Und als Erinnerung daran, und weil der kleine Junge sehr traurig war, dass er nun doch kein Brüderchen bekommen würde, pflanzten seine Eltern eines schönen Nachmittags MICH.

Ich bin sehr behütet aufgewachsen: In einem Schlossgarten in der Nähe von Grieskirchen in Oberösterreich. Rund um mich wuchs
im Frühjahr Bärlauch, es duftete nach Schlüsselblumen und Leberblümchen, es gab jede Menge Brennesseln, viele Schmetterlinge,
und ich war in diesem Schlosshof der einzige Baum, hatte somit genug Platz mich auszubreiten, und die Schlossherren pflegten und hegten mich.
Tagtäglich stand ich an meinem Platz, reckte meine Arme dem Himmel entgegen, ließ Regenschauer und Schneestürme über mich ergehen, ertrug geduldig die Hitze des Sommers, warf hie und da ein Blatt zu Boden, schaukelte mit den Winden, raschelte mit
meinem Laub, sang den Kindern die sich an mich lehnten Lieder vom Wind, und hielt mein Blätterdach schützend über diejenigen,
die sich vor dem Regen versteckten, oder ihren Kopf weinend an mich lehnten und mich um Hilfe baten.

Immer wieder kam es in den Jahren vor, dass Verliebte mit ihren Messern Buchstaben in meinen Stamm schnitzten, es war jedes
mal schmerzlich, aber ich ertrug es ohne zu klagen. Bei starken Stürmen krallte ich meine Wurzeln etwas tiefer in die Erde, ein
Specht hatte ein Loch in meinen Stamm geklopft, und so wuchsen auch viele Vögel in meinem Astloch auf.
Besonders lustig fand ich die Eichhörnchen, die gerne auf mir herumhüpften, sie kitzelten mich mit ihren buschigen Schwänzen und hatten einen Heidenspaß dabei, sich gegenseitig von einem Ast zum anderen zu jagen und hätte ich schmunzeln können.
Der kleine Junge spielte als Kind gerne in meiner Nähe, im Sommer suchte er meinen Schatten und im Winter versuchte er meinen Stamm mit Schneebällen zu treffen. Ab und zu machte ich mir einen Spaß und schüttelte etwas von dem glitzernden Schnee der auf meinen Ästen lag zu ihm hinunter, genau wenn er darunter stand, und dann lachte er und sprang herum, und freute sich.



Der kleine Junge verschwand dann aus meinem Blickfeld, ich vermisste ihn sehr. Eines Tages kam er wieder, da war er schon ein stattlicher junger Mann. Er sah ernster aus, und er spielte nicht mehr mit mir. Aber ich bemerkte doch, dass er immer wieder einen Blick zu mir herüber warf, wenn er ins Haus ging, und ich spürte, dass er die Tage vermisste, die er als Kind so genossen hatte.
Irgendwann begann er, sich wieder an mich zu erinnern, und er legte ab und zu Blumen auf meine Wurzeln, und streichelte nachdenklich meine Rinde.
Immer öfter besuchte er mich, und irgendwann, als seine Eltern schon längst verstorben waren, begann er leise flüsternd mit mir
zu sprechen. Er sprach nicht meine Sprache, aber ich konnte ihn trotzdem verstehen. Er erzählte mir von seinem Leben, vom
Schloss, von seinen Eltern, von seinem Bruder der verstorben war, und dass er einsam wäre.Ich habe ihm immer zugehört. Und manchmal habe ich ihm auch geantwortet, aber er hat meine Sprache wohl nicht verstanden und dann seufzte er laut, verabschiedete sich von mir und ging wieder zurück ins Schloss.
Lange stand ich nur da und starrte auf die alten Schlossmauern, an denen der Efeu die Mauern hochwuchs, ich beobachtete die Ameisen, die an der Mauer hochkrabbelten, und sah den Hummeln, Wespen und Bienen zu, die eifrig durch die Luft schwirrten und summten. Manchmal verirrten sich auch einige Libellen in den Hof, das schimmern ihrer durchsichtigen Flügel faszinierte mich.

Auch später, als der junge Mann schon längst ein alter Herr war, hatte er nie vergessen, aus welchem Grund ich gepflanzt wurde,
und legte immer wieder ein paar Blumen zu meinen Wurzeln, setzte sich auch im hohen Alter noch gerne unter mein Blätterdach, lehnte den Kopf an meine Rinde, streichelte mit seinen alten knorrigen Fingern meine Wurzeln und erzählte mir, was er erlebt hatte tagsüber.
Ich sammelte all die Geschichten und behielt sie bei mir, ich wusste nun beinahe alles über diese Familie und trug all dieses Wissen
in mir gespeichert. Ich vergaß nichts. Keine Hummel, keine Ameise, keinen Sturm, keinen strengen Winter und keinen der Vögel,
die auf mir nisteten, keine der Verliebten, die Buchstaben in mich ritzten und schon gar nicht den kleinen Jungen, der zum Mann heranwuchs, alt wurde und schließlich starb.

Lange Zeit war es still im Schlossgarten. Ich erlebte viele Sommer und Winter, meine Blätter raschelten im Wind, ich schüttelte manchmal nur so zum Spaß den Schnee von meinen Ästen, an sonnigen Tagen war es besonders schön das zu tun, weil dann ein großer Glitzerregen zu Boden ging. Im Herbst warf ich meine Blätter zu Boden und der Wind trieb sie von einer Schlosshofecke zur anderen.

Im Frühjahr spürte ich, wie ich durchflutet wurde von einem angenehmen Gefühl, ich streckte und reckte mich der Sonne entgegen und freute mich über die vielen jungen Triebe, die mich jedes Jahr größer werden ließen. Mein Stamm hatte sich nun schon fast verfünffacht, konnten Anfangs Kinder noch den ganzen Stamm mit ihren Händen umfassen, so brauchte es jetzt beinahe drei Kinder, um meinen Umfang zu messen. Eines Abends, als ich gerade so vor mich hindöste und die Kraft des Mondes sehr intensiv spürte, sah ich Lichter von Weitem den kleinen Hügel hoch kommen, an dem ich stand.
Eine kleine Gruppe Leute kamen zum Schloss, und dann sah ich die Lichter durch das Haus wandern. Eine Weile später sah ich sie wieder den Hügel hinunter wandern. Ich spürte schon, dass diese Leute Unheil bringen würden. Ich wusste es gleich im ersten Moment.
Wenige Wochen später kamen sie wieder. Sie begutachteten den Schlosshof, starrten eine Weile meine Äste und Blätter an, und
gingen dann ins Schloss. Wochenlang wurde im Schloss rumort. Möbel wurden hinausgetragen und andere Möbel hineingetragen, Kinder spielten in meinem Schatten, sie kletterten auf mich, und mit lautem Geheul warfen sie Stücke meiner Äste auf die übrigen Kinder, die noch am Boden standen.



Eines Tages war es seltsam still im Schlossgarten. Etwas lag in der Luft. Ich konnte es nicht einordnen, aber ich fühlte, dass etwas schreckliches passieren würde. Vormittags öffnete sich das Tor des Schlosses, einige Männer traten heraus, und ein Mann hatte eine lange Säge in seiner Hand. Mit Seilen kletterten sie auf einen meiner größten Äste, der beinahe schon die Schlossmauer berühren konnte. Wie viele Jahre habe ich darauf gewartet, ein einziges Mal nur diese Mauer zu berühren. Ich freute mich auf den Moment,
an dem ich fühlen konnte, wie sie sich anfühlte.
Doch dann durchzuckte mich während ich noch darüber nachdachte plötzlich ein irrsinniger Schmerz. Spitze Zacken bohrten sich in meine Rinde, und mit jeder Bewegung arbeitete sich dieses Höllending weiter in mein Fleisch, und riss Späne aus meinem Körper.
Ich wollte schreien, aber es würde nichts nützen, da die Menschen ja meine Sprache nicht verstehen konnten. Ich wollte ihnen
zurufen, dass das doch genau der Ast wäre, der die Burgmauer bald berühren würde! Dass ich mich so viele Jahre gefreut habe
darauf, dass ich doch so lange gewartet habe und auch ganz gewiss nichts beschädigen würde, ich würde ihn in eine andere Richtung wachsen lassen, diesen Ast! Ich wollte doch nur einmal fühlen, wie sich diese Mauer anfühlt!
Aber sie hörten nicht auf mich. Sie zogen und zerrten an diesem gezackten Metallstück, und schließlich fiel mein größter Ast zu
Boden, und ich stand da mit meinem Schmerz und niemand kümmerte sich um mich.
Zufrieden schauten die Männer an mir hoch, freuten sich über meinen verstümmelten Körper, der jetzt nackt und ängstlich in die
Luft ragte, sich nicht verstecken konnte, und nun völlig entblößt herausragte aus der grünen Blätterschicht.
Ich weinte still und leise vor mich hin und wusste, dass ich nun wieder viele, viele Jahre würde warten müssen, bis mein Ast wieder soweit nachgewachsen war, dass ich erneut versuchen könnte, die Mauer zu berühren.
Wie trauerte ich um die Zeit, als der kleine Junge noch unter mir spielte. Kein einziges Mal hat er mir weh getan. Niemals ritzte er etwas in meinen Stamm, keinen einzigen Zweig hat er abgerissen.

Lange Zeit verstrich, als schließlich meine Wunde zu bluten begann. Langsam bildete sich eine Schicht aus Harz über meinem Stumpf, und die Schmerzen vergingen. Aber vergessen habe ich es nie. Alles ist gespeichert in mir.
Viele Jahre vergingen, und viele neue Menschen kamen in das Schloss und gingen wieder. Es wechselte seine Besitzer, und schließlich stand es leer.

Bis 1997 wurde ich kaum beachtet. Ich war inzwischen schon stattlich und groß und einer meiner Äste war inzwischen so weit gewachsen, dass ich tatsächlich meinen Traum erfüllen und die Schlossmauer berühren konnte.
Eines Tages kam eine Familie den Hügel herauf gewandert, und während die beiden Kinder rund um den Schlossgarten liefen und fangen spielten und laut lachten, setzte sich die junge Mutter auf eine meiner größten Wurzeln, lehnte sich mit dem Rücken an
meinen Stamm und schloss die Augen. Zuerst dachte ich, sie würde nur meinen Schatten suchen, und die Ruhe genießen, aber
plötzlich spürte ich, dass sie mit mir zu sprechen begann. Und überrascht stellte ich fest, dass sie nicht mit Menschenworten zu mir sprach, sondern sie sprach in meiner Sprache! Sie stellte mir Fragen, sie wollte wissen was ich erlebt habe. Dabei berührte sie mich sanft, streichelte meine rauhe Rinde, und ich sah die Bilder, die sie in ihren Gedanken zu mir schickte.
Ich wagte es kaum zu antworten, weil ich befürchtete, sie würde mich nicht hören oder verstehen, also begann ich ganz vorsichtig,
mit ihr zu sprechen, und wie erstaunt war ich, als sie lächelte und mit mir ein Gespräch begann! Immer mutiger wurde ich, und ich erzählte ihr von dem kleinen Jungen, von der Geschichte mit dem kleinen verstorbenen Bruder, von den alten Schlossherren und
wie ich mich danach sehnte, die Mauer zu berühren. Ich erzählte ihr von der Säge die mich verwundete und von den Menschen, vor denen ich Angst hatte. Ich erzählte ihr von der Stille, die damals im Tal herrschte und vom Lärm und vom Gestank der Autos, der heute zu mir herauf wehte, wenn der Wind in meine Richtung blies. Die Frau verstand alles was ich sagte. Manchmal nickte sie, sie weinte ein bisschen, und ihre Tränen tropften auf meine Wurzeln. Immerzu streichelte sie mich während des Gespräches und ich genoss ihre Nähe. Noch nie zuvor hatte ich so etwas erlebt. Schützend hielt ich meine Äste über ihren Kopf, schaukelte ein bisschen meine Blätter im Wind, und knarrte mit den Astgabeln. Eine Weile blieb sie bei mir, dann streute sie ein wenig Tabak rund um mich und bedankte sich für das Gespräch.

Sieben Jahre lang kam sie immer wieder zu mir, besuchte mich, sprach ein bisschen mit mir, und machte mir Mut, dass bestimmt
bald wieder Kinder in meinem Schatten spielen würden. Und sie hatte tatsächlich recht. Das Schloss wurde renoviert, ein Spielplatz wurde ganz in meiner Nähe gebaut, und heute kommen viele Wanderer den Hügel herauf, bringen Kinder mit, und diese laufen nun wieder lachend um meinen Stamm herum, werfen im Winter mit Schneebällen nach mir und ich lasse den glitzernden Schnee von
meinen Ästen auf sie herabrieseln.

Die junge Frau habe ich leider nie wieder gesehen. Aber ich weiß, dass sie manchmal an mich denkt. Dann spüre ich ihre Gedanken
und freue mich und weiß, dass sie mich irgendwann wieder besuchen kommen wird um mit mir zu sprechen.

© SONJA



Die größte Offenbarung ist die Stille.

Laotse


*****

Die größten Ereignisse, das sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden.

Friedrich Nietzsche


*****

Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.

Albert Einstein

Manuel

Du fehlst mir

Ich vermisse Deine Stimme, Dein Lächeln,
Deinen Humor.
Dein Schmunzeln, wenn Dir gerade
etwas in den Sinn kommt.
Wie Du mich abends begrüßt, und sagst:
„Hi, wie war’s?"
Wie wir uns morgens verschlafen begegnen.

Ich vermisse Deine Freude, wenn Du von
einem schönen oder lustigen Erlebnis erzählst,
und Deine Vorfreude, wenn Du etwas planst.

Ich vermisse es, mit welcher Überzeugung
Du Deine Standpunkte vertrittst
und mit welcher Entschlossenheit
Du Dinge anpackst.
Wie selbstverständlich Du Deine Hilfe anbietest,
oder mit einem witzigen Spruch überraschst.

Dein aufgeschlossenes und aufrichtiges Wesen
und die Toleranz und Großzügigkeit,
die Du anderen entgegenbringst.

Ich vermisse Deine Wärme und Empfindsamkeit,
und doch spüre ich noch Deine Ausstrahlung.
Und ich weiß, es wird auch so bleiben, für immer
bis wir uns irgendwann wieder begegnen
wie auch immer das sein mag.

Du fehlst mir

Chris

© Christiane Schyktanz





Manuels Gedenkstätte, 22.Mai 2011

Alle spirituellen Pfade sagen, wir sollen an das Unsichtbare, nicht an das Sichtbare, glauben und uns daran halten.
Mit den Geistern der Natur zu sprechen, die Steine sprechen zu hören, den Vogelboten zu lauschen und das Meer zu lesen: das alles ist möglich, wenn wir eins mit dem Unsichtbaren sind. Eine große Weisheit wohnt darin.

Weisheit aus Hawaii


Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben

Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Die nackten Toten die sollen eins
Mit dem Mann im Wind und im Westmond sein;
Blankbeinig und bar des blanken Gebeins
Ruht ihr Arm und ihr Fuß auf Sternenlicht.
Wenn sie irr werden solln sie die Wahrheit sehn,
Wenn sie sinken ins Meer solln sie auferstehn.
Wenn die Liebenden fallen - die Liebe fällt nicht;
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.

Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Die da liegen in Wassergewinden im Meer Sollen nicht sterben windig und leer;
Nicht brechen die, die ans Rad man flicht,
Die sich winden in Foltern, deren Sehnen man zerrt:
Ob der Glaube auch splittert in ihrer Hand
Und ob sie das Einhorn des Bösen durchbrennt,
Aller Enden zerschellt, sie zerreißen nicht;
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.

Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Keine Möwe mehr darf ins Ohr ihnen schrein
Keine Woge laut an der Küste versprühn; Wo Blumen blühten darf sich keine mehr regen
Und heben den Kopf zu des Regens Schlägen;
Doch ob sie auch toll sind und tot wie Stein,
Ihr Kopf wird der blühende Steinbrech sein,
Der bricht auf in der Sonne bis die Sonne zerbricht,
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
(Dylan Thomas 1914 - 1953)

Geschrieben unter dem Eindruck des Krieges
in der Übertragung von Erich Fried


Es singt das Lied der Liebe, die
Trauer des Wissens spricht, das
Verlangen der Schwermut flüstert,
und der Schmerz der Armut weint.
Doch es gibt eine Trauer, die tiefer
ist als Liebe, erhabener als Wissen,
stärker als das Verlangen und bitterer
als die Armut.
Sprachlos ist sie und stumm, doch
glitzern ihre Augen wie die Sterne.


Khalil Gibran







So ist das Wesentliche einer Kerze nicht
das Wachs, das seine Spuren hinterlässt,
sondern das Licht.

Antoine de Saint-Exupéry




Weg im Nebel

Nun wird die Spur der Füße langsam ungetan,
Und aus der Tiefe, aus der tiefen Tiefe steigt
Das Trübe, schwadengrauer Nebel himmelan.

Nun wird der Augen-Aufblick langsam leer,
Und aus der Höhe, aus der hohen Höhe neigt
Die Wolke sich, sinkt Nebel erdwärts schwer.

Nun drängt zu dem verwandten Un-Gesicht
Das Wesenlose aus den fahlen Gründen
Und hebt sich sehnend ins versäumte Licht.

Nun flieht, was war: es fliehen Busch und Baum,
Flieh'n Berg und Tal, die sich zur Flucht verbünden,
Es fliehst du, Herz. Es floh'n die Zeit, der Raum.

Land wurde Meer. Meer wurde schwälend Schaum.
Ihn schlürft, sich fröstelnd zu entzünden,
Das ungelebte Leben und der ungeträumte Traum.

Marie Luise Weissmann (1899-1829)

Die Liebe ist der Endzweck der Weltgeschichte - das Amen des Universums.

Novalis (1772-1801)

Der schwarze Stein

Seit gestern werde ich dich lieben
Seit dem ersten Tag der Welt
Morgen habe ich dich so sehr geliebt
Daß mir heute noch der Atem fehlt
Dort gehalten, liebe ich dich anderswo
In Orten, von denen ich nichts weiß
Im Universum, das erst erschaffen werden muß
Und im Überall des Nirgendwo
Ohne deinen Namen zu kennen, liebte ich dich
Deine Nacht leuchtete in meinem Tag
Wie ein unendlich großer schwarzer Stein
Und gerade dann wurde ich geboren


Per-Jakez Helias (1914-1995)
im Mai 2011