22.5.2001

Manuel war nicht krank, es gab nicht den geringsten Hinweis darauf, was geschehen und mein Leben unwiederbringlich verändern sollte. Es war, für uns alle noch immer unfassbar — Herzversagen.

An diesem Tag sahen wir uns noch kurz, um die Mittagszeit, was ungewöhnlich war. Denn Dienstags begann mein Arbeitstag erst um 13.00 Uhr, doch Manuel kam normalerweise später von der Schule, so dass wir uns sonst nicht mehr antrafen. An diesem Tag hatte er eine Deutschklausur, war vor Schulschluss fertig, konnte abgeben und früher gehen.
Manuel strahlte, er freute sich, denn es war gut gelaufen für ihn. Für den Nachmittag hatte er vor, bei seiner Oma den Rasen zu mähen. Doch sie wartete vergeblich auf ihn.
Als ich am Abend um die Ecke bog und sein Auto vor dem Haus stehen sah, war ich überrascht und zugleich etwas beunruhigt, denn eigentlich konnte er noch nicht fertig sein bei seiner Oma. In dem Augenblick, als ich die Wohnung betrat und Manuel nicht, wie sonst immer, aus seinem Zimmer kam um mich zu begrüßen, wusste ich, etwas stimmt nicht.
Im gleichen Moment schrie ich seinen Namen, riss seine Zimmertür auf, sah ihn dort auf seinem Bett liegen. Es schien, als hätte er sich nur für einen Moment hingelegt, um sich auszuruhen und dabei eingeschlafen sei.

Als man mir sagte, er könne nicht mehr zurückgeholt werden, starb mit Manuel ein Teil meines Selbst. Von unsagbarem Schmerz erfüllt, meinte ich, es sei besser den Verstand zu verlieren, als das ertragen zu müssen. Dann wieder fühlte ich mich neben mir selbst stehen, als beträfe mich das nicht wirklich.“Ich werde wieder aufwachen“. Immer und immer wieder war dieser Gedanke in mir. Es konnte, nein, es durfte gar nicht anders sein. Mein Inneres weigerte sich, diese Wahrheit anzunehmen, schrie wieder und wieder “komm zurück“.
Dichte Nebel schienen mein Erinnerungsvermögen zu überlagern. Selbst einfachste, alltägliche Handgriffe, schon so unzählige Male ausgeführt, erforderten große Anstrengung und Konzentration. In meinem Gedächtnis war für viele Monate nichts mehr an seinem Platz, selbstverständliche Worte lagen tief vergraben, als wäre mein Ich wie ein durcheinandergeworfenes Puzzle zurückgelassen worden.

Alles, was uns wichtig erschien, verblasste im Schein des Unfassbaren.

Werte haben sich verändert oder auch ganz an Bedeutung verloren. Und es wuchs ein Verlangen, einen Mantel der Stille um mich auszubreiten, mich völlig zurückzuziehen, was auch bis heute noch anhält. Nur wenige Menschen zeigen hierfür Verständnis.



Ich vermochte nicht zu sprechen;
so griff ich auf das Schweigen zurück,
die einzige Sprache des Herzens.

Gebrochene Flügel
Khalil Gibran




Heute sah ich wieder dich am Strand
Schaum der Wellen dir zu Füßen trieb
mit dem Finger grubst du in den Sand
Zeichen ein, von denen keines blieb.
Ganz versunken warst du in Dein Spiel
mit der ewigen Vergänglichkeit
Welle kam und Stern und Kreis zerfiel
Welle ging und du warst neu bereit.

Lachend hast du dich mir zugewandt,
ahntest nicht den Schmerz, den ich erfuhr;
denn die schönste Welle zog zum Strand
und sie löschte deiner Füße Spur.

Marie Luise Kaschnitz





Jede Nacht habe ich mir das Herz ausgerissen,
aber jeden Morgen war es wieder voll.


(aus: “Der englische Patient”)




Geh fort von mir. So werd ich fürderhin
in deinem Schatten stehn. Und niemals mehr
die Schwelle alles dessen, was ich bin,
allein betreten. Niemals wie vorher

verfügen meine Seele. Und die Hand
nicht so wie früher in Gelassenheit
aufheben in das Licht der Sonne, seit
die deine drinnen fehlt. Mag Land um Land

anwachsen zwischen uns, so muß doch dein
Herz in dem meinen bleiben, doppelt schlagend.
Und was ich tu und träume, schließt dich ein:

so sind die Trauben überall im Wein.
Und ruf ich Gott zu mir: Er kommt zu zwein
und sieht mein Auge zweier Tränen tragend.

Elisabeth Barrett-Browning (1806-1861)
Portugiesische Sonette VI







von Manuel in der Türkei aufgenommen

Eine Sekunde nur
Der Ewigkeit
Verweiltest du bei uns
Doch diese Zeit nun
Ohne dich
Erscheint auch uns hier
Wie die Ewigkeit.


© Chris
tiane Schyktanz

 



Mit hartem Dröhnen ist das
schwere Tor der Erde
hinter dir ins Schloss gefallen.
Ich lege lauschend an den
Spalt mein Ohr und höre
drüben deine Schritte hallen.
Der Klang stählt mir das Herz
so hart es litt und schlägt
den Lärm des Tages nieder.
Du drüben und ich hier,
wir halten Schritt und treffen uns
am gleichen Ziele wieder.


Grabinschrift in Uffhofen/Rheinhessen