Erwachen aus der Verzweiflung

Aus Leidestrunkenheit
emporgetaumelt seh ich
durch Tränen zitternd die erneute Welt.

Schon duftet Sommer an den Wäldern hin –
o Abende voll grünem Schmelz, Sternhimmel du,
schon nah dem hohem Sommergewölk!

Freunde lebt ihr noch? Wein, glühst du noch?
Bist du noch mein, verzauberte Welt,
die ich durch Tränen nur und von Ferne
wandeln sehe, wo lang ich nur Leere sah?
Hebt noch einmal der alte Reigen an,
zieht den Gestorbenen noch einmal der süße
Sommerzauber zurück?

Noch mißtraut dem Wunder die Seele,
noch ist Sommer und Wald nicht wieder mein.
Aber heiliger glühen und klarer die Sterne,
schweigend horche ich hinan: Ihr Weltgeläut,
das so lang mir geschwiegen,
tönt mir ehern das Lied meines Schicksals,
und mein Herz tönt zagenden Widerhall.

Hermann Hesse



Eine Weile

Eine Weile
werden wir uns
aufhalten
in dieser Welt
im aufrechten Gang
wenn er gelingt
kopfgetragen
solange der Kopf trägt
herzgebeutelt
solange das Herz schlägt
im Rhythmus
der ureigenen Uhr
eine Weile
werden wir bleiben
um weiter zu gehen
zu gesicherten Ufern

Annemarie Schnitt


Jeder von uns besitzt alles, was er braucht,
um sein tiefstes Wesen zu erforschen...
in der ganzen Menschheit gibt es niemanden,
der das für uns tun könnte.
Die Verantwortung und die Möglichkeit,
uns unser wahres Wesen bewusst zu machen und es
mit anderen zu teilen, liegt letztlich bei uns.

Roger Walsh und Dean Sharpio

*****

Da ist ein Land der Lebenden, und da ist ein Land der Toten.
Die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe – das einzig Bleibende – der einzige Sinn.


Du bist einsam...

Und meinst, daß niemand dich versteht
und es keinen Sinn hat zu sprechen,
weil dein Schicksal einmalig ist.
Das ist es auch.
Ein Leben wie deines hat keiner zu leben.
Niemand fühlt deine Schmerzen so wie du.

Und wenn du kämpfst,
dann so, wir nur du es tust.
Niemand wartet wie du.
Und keiner trägt so
die Sehnsucht in sich wie du.

Und doch bist du damit nicht allein,
weil deine Angst verwandt ist
mit der Angst vieler:
Und deine Sehnsucht mündet
in die Sehnsucht von Millionen.

Deine Schmerzen
sind ein Teil der Schmerzen,
die wie ein manchmal stiller
und manchmal lauter Schrei
die Welt umkreisen.

(Ulrich Schaffer)

*****

Ich bin nicht tot, ich bin aus dem Traum des Lebens erwacht.
(Inschrift auf einem Grabmal)

*****

Die Einsamkeit hat weiche,
seidige Hände,
aber mit starken Fingern ergreift sie das Herz
und läßt es vor Kummer erzittern.
Einsamkeit ist der Bundesgenosse des Schmerzes,
aber auch der Gefährte der geistigen Erhöhung.

Khalil Gibran

Ich lebe ein doppeltes Leben

Wie kann ich dich jemals vergessen!
Du füllst meinen Tag und die Nacht.
Noch kann ich nur schwerlich ermessen,
wie reif mich dein Abschied gemacht.

Die Wunde wird nie in mir heilen,
im Schmerze gehörst du mir ganz.
So will ich die Nacht mit dir teilen,
als wäre sie Traum oder Tanz.

Du bist mir noch enger verbunden
als jemals im Leben zuvor.
So hab ich wiedergefunden,
was kurz an den Tod ich verlor.

Ich werde dich zärtlicher halten,
als je es im Alltag gelang,
wo andere Maßstäbe galten
und eins um das andere rang.

Wie innig sich Seelen umschweben,
seit deine Gestalt mir verblich!
Ich lebe ein doppeltes Leben:
Je eines für dich und für mich.

Waltraut Puzicha


Beim Tode eines geliebten Menschen
schöpfen wir eine Art Trost aus dem Glauben,
dass der Schmerz über unseren Verlust
sich nie vermindern wird.

Marie von Ebner-Escherbach

.....und ich möchte sie, so gut ich es kann, bitten Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind. Forschen sie nicht nach den Antworten, die ihnen nicht gegeben werden können, weil sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. LEBEN sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.

Rainer Maria Rilke

*****
Allein die Liebe erhält und bewegt unser Leben

I.S. Turgenjew

***

Weg ohne Ziel
Schattengestalten
auf der verlassenen Straße
Nachtwanderer
Keine Rolle spielen
Keine Maske tragen
Einsam
doch nicht allein

Die Sterne
Der Mond
Die Nachtigall
Keine Fragen
Keine Suche nach Antworten
Nur sein
Wenigstens bis zum Morgengrauen


(Verfasser unbekannt)

***

Jedem, der seine Gedanken niederlegt, blickt schon im Augenblick des Schreibens ein Größerer über die Schulter, sei es ein Vergangener, Lebendiger oder noch Ungeborener. Wohl dem, der diesen Blick fühlt: er wird sich nie wichtiger nehmen, als ein geistiger Mensch sich nehmen darf.

Christian Morgenstern


***

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns –
durch Zufall; denn es könnte sein
ein rufen deines oder meines Munds –
und sie bricht ein,
ganz ohne Lärm und Laut.
Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

Rainer Maria Rilke

Nie erfahren wir das Leben stärker
als in großer Liebe und tiefer Trauer.

Rainer Maria Rilke

Liebe gibt nichts als sich selber
und nimmt nichts
als aus sich selbst heraus.
Liebe besitzt nicht
und lässt sich nicht besitzen;
denn die Liebe genügt der Liebe.

Khalil Gibran


Verstehen

wann wirst du loslassen
aufbrechen ins Ureigene
dich selbst übersteigen
ins Verstehen


Annemarie Schnitt

Die verstehen sehr wenig,
die nur das verstehen,
was sich erklären läßt
.

Marie von Ebner-Escherbach




Ich möchte bei Dir sein

Zuzeiten verdunkelt sich
dein Leben.
Wo Du auch hinblickst:
Du nimmst nichts wahr
als Nacht.
Du schaust zurück,
und alles ist verfinstert.
Du schaust nach vorn:
nichts als Dunkelheit.
Du empfängst Zeichen der Liebe,
aber du misstraust ihnen.
Die Erfahrung hat dich gelehrt,
dass das Licht zurückkehrt,
und dennoch stehst du da
mit leeren Händen,
wagst nicht zu glauben
an den neuen Morgen,
weißt keinen Gott mehr,
obwohl du ihm begegnet bist.


Verfasser unbekannt


Wenn es gelingt
die Trauer
zu tauchen
ins Lächeln
wenn es gelingt
die Trauer
zu locken
ins Licht
wenn es gelingt
die Trauer
zu verwandeln
in Leben

was
wenn es gelingt


Annemarie Schnitt


Sein Unglück ausatmen können,
tief ausatmen, so dass man
wieder einatmen kann.
Und vielleicht auch sein
Unglück sagen können...
Und weinen können.
Das wäre schon fast wieder Glück.

Erich Fried



Die Zeit heilt nicht alles;
aber sie rückt vielleicht das Unheilbare
aus dem Mittelpunkt.

Ludwig Marcuse



Die große, die Natur übertreffende Wahrheit
gelangt nicht durch Reden
von einem Geschöpf zum anderen.
Die Wahrheit sucht die Stille,
um der liebenden Seele
ihre wirkliche Bedeutung aufzutun.

Khalil Gibran


Wir sind mit dem Unsichtbaren näher
als mit dem Sichtbaren verbunden.


Novalis

***

Vielleicht sollten wir uns von dem Aberglauben lossagen
alles verstehen zu müssen
und uns zu der Einsicht bekehren
im Höchstfall imstande zu sein
mit unserem Unverständnis
verständnisvoll umgehen zu können.
 

(Verfasser unbekannt)


***

“Es ist ein sinnloser, brutaler Akte des Schicksals”, schreibt der Wiener Psychoanalytiker Sigmund Freud, nach dem Tod seiner 27jährigen Tochter Sophie, “so weit im Leben und so nahe dem Tode, ein junges, blühendes Kind zu überleben.” Der Tod eines Kindes ist “etwas, wobei man nicht anklagen und nachgrübeln kann, sondern das Haupt beugen muß unter dem Streich, als hilfloser, armer Mensch, mit dem höhere Gewalten spielen”.





Tränenkrüglein

In alter Zeit, lange, bevor es dich und mich gab, da lebte einmal eine Witwe, der ward ihr einziges Kind vom Tod geholt. Die vermochte sich vor Herzeleid nicht zu fassen und weinte sich am Tag und in der Nacht die Augen aus.
Es ergab sich aber, dass sie einmal des Nachts einen Botengang machen musste von einem Dorf zum nächsten. Der Vollmond schien auf das verschneite Land, aber sie sah die Schönheit nicht, denn ihre Augen waren getrübt von all den vielen Tränen um ihr Kind. Doch auf einmal tauchte eine seltsame Geisterschar vor ihr auf, das war die Frau Berchta mit ihren Heimchen. Die zogen auf dem verschneiten Feld mit leisem Singsang an ihr vorüber, dann über den Heckenzaun und strebten nun dem Walde zu. Schon war der Zug bei den ersten Tannen angekommen, da trippelte ängstlich ein Kind mit nackten Füßchen im kalten Schnee der Schar hinterher und schleppte an einem schweren Krug. Als es nun auch an besagten Heckenzaun kam, waren die anderen schon alle hinüber. So lief es denn ängstlich hin und her und suchte nach einem Durchschlupf im Flechtwerk, denn der Steinkrug war viel zu schwer für das zarte Kindchen, und es konnte ihn nicht drüber heben. Da endlich erkannte die Frau, dass es ihr eigenes Kind war, und es drückte ihr beinahe das Herz ab. Sie rief es bei seinem Namen, aber das Heimchen hörte nicht hin.
Da fasste es die Mutter bei der Hand, doch das Kind erkannte sie nicht. Der Mutter blutete das Herz bei alle dem, und sie weinte und presste das Kleine an ihre Brust. Als aber die salzigen Tränen des Kindes Äuglein netzten, da erkannte es die Mutter und sagte wie im Traum: »O wie warm ist Mutterarm!« »Ach Kind, willst du nicht kommen und im Haus deiner Mutter bleiben?« fragte traurig die Frau. Sprach das Kind: »Lieb Mutter mein, leg ab die Trauer und lass das Weinen. Denn alle Tränen, die du vergießt, die fließen über mein Grab in diesen Krug. Den muss ich nun nachschleppen, und er wird immer noch voller. Da schau nur, mein Hemdchen ist schon ganz nass, und die Kinder laufen mir alle davon. So gib mich doch endlich frei und lass mich los.« Da weinte sich die Mutter einmal noch von Herzen aus, küsste den blassen Kindermund, hob ihr Liebstes über den Zaun und sah mit sehnendem Blick dem weißen Hemdchen nach, bis es fern in der hellen Schar untergetaucht war. Wollte sie dann wieder einmal der Gram übermannen und wollten ihre Augen überfließen vor Kummer, so hat sie schnell an das Krüglein gedacht und an den Zaun, schluckte tapfer die Tränen herunter und trug nun ihr Weh ohne Frage und Klage.


Deutsches Volksmärchen



Bäume sind Heiligtümer.
Wer mit ihnen zu sprechen,
wer ihnen zuzuhören weiß
der erfährt die Wahrheit.
Sie predigen nicht Lehren und Rezepte,
sie predigen,
um das Einzelne unbekümmert,
das Urgesetz des Lebens.


Hermann Hesse



Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat,
sondern da, wo man verstanden wird.


Christian Morgenstern

***

"Die höchste Erziehung ist die, welche sich nicht darauf beschränkt, uns Kenntnisse zu vermitteln, sondern die unser Leben in Harmonie bringt mit allem Sein."

Rabindranath Tagore

***

Und wenn wir die ganze Welt durchreisen, um das Schöne zu finden: Wir mögen es in uns tragen, sonst finden wir es nicht.

Ralph Waldo Emerson

Manche Menschen wissen nicht
wie wichtig es ist,
dass sie einfach da sind.
Manche Menschen wissen nicht,
wie gut es tut,
sie nur zu sehen.
Manche Menschen wissen nicht,
wie tröstlich
ihr gütiges Lächeln wirkt.
Manche Menschen wissen nicht,
wie wohltuend
ihre Nähe ist.
Manche Menschen wissen nicht,
wie viel ärmer
wir ohne sie wären.
Manche Menschen wissen nicht,
dass sie ein Geschenk
des Himmels sind.
Sie wüssten es,
wenn wir es ihnen sagen würden!


Petrus Ceelen