Manuel

Selbst ein Meer von endlos vielen Tränen
vermag es nicht,
deine Spuren, die so fest in uns verwurzelt sind,
nur leise zu verschleiern.
So kurze Zeit nur wurde uns geschenkt
mit dir —
doch nicht die Zeit ist es, die,
solch tiefe Spuren hinterlässt.
Es ist dein Wesen, das,
so voller Tiefe,
noch deine Worte in uns klingen lässt.

© Christiane Schyktanz

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Ja, ich bin ein Träumer, denn nur Träumer
finden ihren Weg durchs Mondlicht und erleben die
Morgendämmerung bevor die Welt erwacht.


(Oskar Wilde)


 

Ja, Manuel war ein Träumer, zugleich aber doch auch sehr bodenständig.
Mit Erstaunen stellten wir immer wieder fest, dass er, zumindest seinem Alter entsprechend, eher ausgefallene Interessen entwickelte. Daher möchte ich ein wenig hierüber vermitteln.

So war im Alter von 4-5 Jahren kaum ein elektrisches Gerät vor ihm sicher. Er zerlegte alles, was er bekommen konnte.

Doch zeigte er ebenfalls großes Interesse für Pflanzen. Seine Oma vermittelte ihm liebevoll viel ihres umfangreichen Wissens hierüber.
In der musikalischen Früherziehung zeigte sich bald seine Begabung, so lernte Manuel in der Musikschule Saxophon zu spielen. Bereits nach wenigen Übungsstunden durfte er bei einem Konzert mitspielen. Leider ließ dieses Interesse bald nach, sein Musiklehrer verlangte ihm zu viele Übungsstunden für seine jungen Jahre ab.

Als Sechsjähriger zeigte Manuel sich tief beeindruckt, als er während eines Urlaubs auf der Insel Kreta bei “seinem Schmuckmacher“ beobachten konnte, wie mit einfachen Mitteln Schmuck in Handarbeit hergestellt werden konnte. So versuchte er sich ebenfalls darin. Erfolgreich – wie sich zeigte. Er konnte damit auf Flohmärkten und bei anderen Gelegenheiten sein Taschengeld aufbessern.

Die Aufgabe der Umgebung ist nicht, das Kind zu formen,
sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren
.

(Maria Montessouri)

Wenig später, fasziniert von der Sternenkunde, beobachtete Manuel mit einem kleinen Teleskop die Himmelskörper. Er konnte sie wohl alle benennen. Selbst Erwachsene zeigten sich manchmal sprachlos, wenn er davon zu berichten wusste.

Von den Kindern kann man leben lernen und selig werden.
(J.W. von Goethe)

Etwa zur gleichen Zeit, kaum dass er fließend lesen konnte, begann Manuel Chemiebücher des Gymnasiums zu studieren und zu experimentieren. Chemie belegte er dann auch Jahre später als Leistungskurs.
Eine besondere Leidenschaft Manuels waren Mineralien.Über viele Jahre hinweg kam eine umfangreiche Ansammlung von Steinen verschiedenster Art und Herkunft zusammen.
Sportbegeistert war Manuel nicht so sehr, doch er nahm einige Jahre am Karateunterricht teil, ging gelegentlich mit seinem Freund Dirk oder mit seinem Vater squashen, und er war ein guter Schwimmer.

Alle Irrtümer übertragen wir auf unsere Kinder, in denen wir
untilgbare Spuren hinterlassen
.
(Maria Montessouri)

Die übliche Problematik, zum Teil mit heftigen Auseinandersetzungen, wie sie wohl viele Eltern mit ihren heranwachsenden Kindern in einem gewissen Alter kennen, gab es zwischen uns nie. Es entsprach einfach
nicht Manuels Wesen.

Mit seinem ersten PC begann für Manuel dann beinahe eine neue Ära. Ein unglaublicher Ehrgeiz entwickelte sich. Mittels Fachbüchern erlernte er verschiedene Programmiersprachen und eignete sich auch sonst ein umfangreiches Wissen an. Er wurde zum Computerfreak. Hilfreich bezüglich Hardware war ihm dabei ein Praktikum in der EDV-Abteilung eines Großunternehmens während des 11. Schuljahres. Dort bekam er dann auch gleich einen Ferienjob.
Mit dem Internetzugang ergab sich für Manuel die Gelegenheit, sich wieder einem eher ausgefallenen Hobby, dem "Anime", intensiv zu widmen und sich mit anderen auszutauschen. Viele, auch tiefgehende Freundschaften entstanden auf diesen Weg. Diese Freunde erstellten wenige Tage nach Manuels Tod eine Gedenkseite für ihn (Zugang über die Eingangsseite). In dem Trauergästebuch in dieser Seite ist ebenfalls viel über Manuel zu lesen.

“Animes” sind in unseren kommerziellen Medien noch weitestgehend unbekannt. Der Begriff Anime bezeichnet Trickfilme aus Japan, die fast alle Themen behandeln und für ein Publikum jeden Alters produziert werden. Die Vielfalt der Themen werden auf anspruchsvolle Art behandelt. Für Zuschauer können Animes auch interessante Einblicke in Kultur und Seele Japans bieten.
Somit wuchs Manuels Interesse an diesem Land, das auf eine sehr alte Kultur zurückgreifen kann. Er hatte geplant, nach Japan zu reisen. Sicher hätte er sich diesen Traum nach seinem Abitur verwirklicht. In seinem Zimmer steht ein dicker Wälzer Japanisch-Deutsch, für uns völlig fremde Schriftzeichen.

Hier ein Haiku, eine aus Japan stammende Versform, bei der eine bestimmte Anzahl von Silben und Zeilen eingehalten werden:



Die Ewigkeit sitzt
am Ufer des Augenblicks
die Zeit schlägt Brücken


(Haiku, Ernst Ferstl)

Die japanische Sprache hatte Manuel vor zu studieren, neben Psychologie und Philosophie. Darüber hinaus sah er für sich die Möglichkeit, im IT-Bereich tätig zu werden.
Er hatte so viele Pläne, noch so vieles zu Erleben vor sich. Es blieb ihm nicht mehr die Zeit dafür.

Mit seinem Führerschein erlangte Manuel eine neue Freiheit. So lange hatte er darauf gewartet, und sich gefreut, als es soweit war. Oft war er dann auch unterwegs, manchmal alleine, meist aber mit Freunden.
Mit Menschen konnte er auf ganz besondere Art umgehen. In seinem Blick, seinem ganzen Wesen war Aufrichtigkeit zu lesen. Kinder flogen geradezu auf ihn, doch er blieb sanft und geduldig, wenn sie ausgelassen über ihn herfielen.
Bereits in jungen Jahren musste Manuel den schmerzlichen Verlust seines Opas, wenig später den Tod seiner geliebten Oma hinnehmen und auch seine Tante Barbara, die ihm ebenfalls sehr nahe stand, starb viel zu früh.
Obwohl Manuels Vater und ich uns bereits vor vielen Jahren trennten, blieben unsere Kontakte zur ganzen Familie immer eng und herzlich. Mit seiner jüngeren Schwester Alina verband Manuel eine zärtliche und innige Liebe.


Senna Hoy

Seit du begraben liegst auf dem Hügel,
Ist die Erde süß.

Wo ich nun hingehe auf Zehen,
Wandele ich über reine Wege.

O deines Blutes Rosen
Durchtränken sanft den Tod.

Ich habe keine Furcht mehr
Vor dem Sterben.

Auf deinem Grabe blühe ich schon
Mit den Blumen der Schlingpflanzen.

Deine Lippen haben mich immer gerufen,
Nun weiß mein Name nicht mehr zurück.

Jede Schaufel Erde, die dich barg,
Verschüttete auch mich.

Darum ist immer Nacht an mir,
Und Sterne schon in der Dämmerung.

Und ich bin ganz unbegreiflich unseren Freunden
Und ganz fremd geworden.

Aber Du stehst am Tor der stillsten Stadt
Und wartest auf mich, du Großengel.

(Else Lasker-Schüler)